Maries Fotografin erzählt...

Maries Fotografin erzählt...

Es ist Samstag, ein Einsatz kommt rein. Ich nehme an. Die kleine Marie, 40. Woche tot geboren mit Trisomie 18. Der Bestatter will die Kleine Sonntag zu den Eltern nach Hause bringen, sie möchten gerne Fotos mit der Familie zu der auch zwei kleine Jungs gehören. Wieder eine ganz andere Situation als bei meinen ersten beiden Einsätzen. Ich telefoniere mit der Mutter. Sie wirkt gefasst und freut sich total, dass jemand anruft. Wir vereinbaren uns Sonntag Mittag bei ihnen zu Hause zu treffen. Nachmittags die Nachricht, der Bestatter bekommt die Kleine morgen nicht. Wir verschieben auf Montag Nachmittag. Beate ist mein Backup und immer im Hintergrund.

Montag morgen habe ich eine aufgelöste Mutter am Telefon. Der Bestatter war in der Klinik, er konnte die Kleine wieder nicht mitnehmen, es wird gestreikt in der Klinik. Ich bin fassungslos, beruhige die Mutter, dass wir das auf jeden Fall hinkriegen. Ich überlege noch, ob wir über Dein Sternenkind etwas erreichen können, aber es bringt nichts, der Bestatter hat heute keine Zeit mehr. Der Dienstag geht ins Land, ich kann heute auf keinen Fall, Beate hält sich bereit.

Wieder hat der Bestatter keinen Erfolg. Mittwoch sei keine „Laufkundschaft“, so die Aussage, und Donnerstag sei Karneval, es könne sein, dass es erst Freitag klappt. Ich mag mir nicht vorstellen, was die Mutter durchmacht. Sie hat Angst, dass wir die Kleine nicht mehr fotografieren können, wenn es so lange dauert. Wieder beruhige ich sie erkläre bis Freitag sei immer jemand bereit.

Am Mittwoch nehmen wir dann durch einen Sternenkindfotografen Kontakt zum Kinderpalliativdienst auf, aber bevor der aktiv werden muss, kommt der erlösende Anruf, die Kleine Marie ist beim Bestatter. Die Bilder sollen jetzt dort gemacht werden, wir verabreden uns für 16.30 Uhr.

Dieses Mal bin ich deutlich ruhiger als bei den ersten beiden Einsätzen. Vielleicht habe ich eher das Gefühl eine Vorstellung zu haben, was auf mich zukommt. Ich hatte intensiven Kontakt mit der Mutter, keine völlig unberechenbare Situation die da auf mich zukommt.

Die Begrüßung ist herzlich, wie schnell doch eine Art Beziehung entsteht. Wir fahren mit dem Bestatter zum nahegelegenen Friedhof in die Kapelle. Der 2 jährige Sohn ist dabei, die Schwester und die Mutter der Kindsmutter. Der Vater ist mit dem 4 Jährigen zu Hause geblieben, sie wissen nicht wie Marie jetzt aussieht und er habe das bis jetzt ganz gut verarbeitet, sie möchten ihn nicht zu sehr belasten.

Die Kleine Marie liegt in einem kleinen weißen Sarg, in eine Decke gewickelt und mit einem Mützchen auf dem Kopf.

„Sie sieht noch genauso aus wie nach der Geburt. Schau mal wie schön sie ist.“ Die Mutter bezieht mich von Anfang an mit ein und ich bin nicht nur Zuschauerin. Es ist so rührend wie sie sich verabschiedet. Der Bestatter, der Anfangs etwas Sorge hatte ob es gut wäre Marie aus dem Sarg zu nehmen lässt sie gewähren, hilft sogar die Strümpfe die sie mitgebracht hat anzuziehen. Ich fotografiere, versuche diese wunderbaren und so wichtigen Momente einzufangen. Bilder mit der Schwester und der Mutter werden gemacht. Ich habe weniger Distanz als bei den ersten beiden Einsätzen aber ich erlebe diese Momente so berührend, die Wichtigkeit dieses Abschiednehmens so intensiv, dass ich diese besonderen Momente nie missen wollte.

Sie hat Zeit und die wird ihr gelassen. Irgendwann bittet sie den Sarg wieder zuzumachen, sie möchte erst dann gehen. Wir verlassen die Kapelle und sitzen noch eine Weile draußen auf einer Bank an diesem schönen sonnigen Tag, in dieser wunderschönen Landschaft. Der Bestatter verabschiedet sich, er ist sehr berührt von diesem intensiven Abschied nehmen und erkundigt sich nach Dein-Sternenkind.

Als ich nach Hause fahre erlebe ich wieder diese unbeschreibliche Mischung aus Trauer, Rührung aber auch unendliche Dankbarkeit dafür, dass ich diese Menschen kennen lernen durfte und einen kleinen Teil zur Verarbeitung dieser schlimmen Situation beitragen durfte.

Zu Hause fällt mir beim ersten durchschauen der Bilder auf, dass Marie auf den letzten beiden Bildern plötzlich eine kleine Träne auf der Wange hat. Ich bin so berührt, dass ich erst mal unterbreche und eine Pause mache. Leb wohl Marie, du wunderbares kleines Mädchen.


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