Drei Jahre mit Marlene

Drei Jahre mit Marlene

Marlene wurde für ein kurzes Leben geboren. Das war vom ersten Tag an klar. Vor knapp drei Jahren gab es in der Klinik schon einmal Bilder von ihr, weil niemand wusste, ob Sie es überhaupt ins Leben hinein schaffen würde. Aber sie tat es und schenkte ihren Eltern diese Jahre.

Ich fuhr nach Jena, die Fotos sollten zuhause entstehen, in Marlenes Zimmer. Und anders als so häufig, war hier keine Hektik, keine Geschäftigkeit im Umgang mit dem Tod. Es war ein wunderschöner Tag, die Eltern saßen draußen, Freunde kamen, um sich von Marlene zu verabschieden. Sie war schon vor einem Tag gestorben, aber die Eltern taten das, was viele vermeiden. Sie behielten Marlene erst einmal bei sich, ohne die Angst, dass es irgendwie 'schlecht' sein könnte, einen toten Körper im Haus zu haben. Man merkte in jedem Wort, in jeder Geste, dass hier zwei Eltern waren, die alles richtig gemacht hatten. Und so lag über allem eine Gelassenheit und eine gerade nicht künstliche Heiterkeit. Trauer ist ja nicht nur Schmerz und Tränen, sondern eben auch eine tiefe Dankbarkeit, die man im 'normalen' Leben manchmal versäumt.

Dann kam ich in Marlenes Zimmer. Da lag ein kleiner Engel, überhäuft mit Blumen, Bildern und Geschenken, Neben ihr saß der Hund, den sie sich noch kurz vor ihrem Tod ausgesucht hatte. Was ein Glück, dachte ich, dass dieses Kind leben durfte. Man hätte ein Eisschrank sein müssen, um nicht zu spüren, welche tiefen Spuren Marlene in den Herzen derer hinterlassen hatte, denen sie begegnet war.

Es kann nicht immer leicht gewesen sein, für sie zu sorgen – zuhause und in Hospizen. Und wenn man genau hinschaute, konnte man auch die Müdigkeit in den Augen der Eltern lesen. Aber so wie Marlene in ihrem Bettchen lag, war auch kein Zweifel daran, dass sie trotz allem ein Geschenk des Himmels war. Was ihr genau fehlte, weiß ich gar nicht. Und ich hatte auch gar nicht das Bedürfnis danach zu fragen. Irgendwie war das in dem Moment nicht wichtig.

Nachdem wir die Bilder gemacht hatten, sollte dann die Bestatterin kommen und Marlenchen abholen. Komischerweise ging mir das auf der Fahrt nach Hause durch den Kopf. Dieses Haus, dieses Zimmer ohne den kleinen Engel? So hatte ich das dringende Bedürfnis, den Eltern am gleichen Abend noch ein Bild zu schicken – von ihrer Tochter im Bettchen unter dem Sternenhimmel.



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