Wenn das Leben eine Vollbremsung macht

Wenn das Leben eine Vollbremsung macht


Wenn das Leben eine Vollbremsung macht:

Angefangen hat alles damit, dass ich letztes Jahr am 30.06.2009, am Geburtstag meines Mannes, meine Mama nach schwerer Krankheit im Alter von 57 Jahren verloren habe. Die Pille hatten wir bereits im Mai abgesetzt, aber aufgrund der ganzen Belastung konnte es gar nicht klappen...
Im November 2009 war ich dann zur normalen Untersuchung bei meinem Frauenarzt und erzählte Ihm von Mamas tot. Er sagte zu mir, ich solle erst mal wieder klar im Kopf werden und dann würde es auch mit Nachwuchs klappen. Also haben mein Mann und ich uns erst mal keinen Stress gemacht und auch nicht mehr an Nachwuchs gedacht...

Es war dann der 14.02.2010, der unser Leben änderte. Den ganzen Tag über hatte ich ein ganz komischen Gefühl, dann diesmal waren meine Tage ganz ausblieben und meine Brüste spannten.
Ganz aufgeregt bat ich meinen Mann, vom Flughafen einen Schwangerschaftstest mitzubringen. Gegen 03:00 Uhr morgens kam er heim und brachte mir den Test mit. Lange warten konnte ich nicht mehr, um 06:00 Uhr habe ich den Test gemacht, und dieser sagte mir, dass ich schon mindestens 3 Wochen schwanger war.
Nach nur etwa 2 Stunden Schlaf riss ich meinen Mann wieder aus dem Schlaf und erzählte Ihm, dass wir schwanger sind.
Am Morgen des 15.02.2010 riefen wir umgehend die Frauenarztpraxis an und machten für den gleichen Tag einen Termin aus.
Meine Frauenärztin bestätigte dann die Diagnose und teilte uns mit, dass wir bereits in der 12. SSW seien. Die ersten 3.Monate habe ich also überstanden, ohne es zu bemerken.
Wir waren beide total sprachlos - die Bilder auf dem Ultraschall waren die Bilder unseres Kindes. Wir schwebten auf Wolke 7.

Da wir die ersten 3 kritischen Monate bereits hinter uns hatten, machten wie uns keine Sorgen, dass noch etwas passieren könnte.
Jedes Untersuchungsergebnis ließ unsere Sorgen geringer werden. Meine Frauenärztin sprach immer von einer Bilderbuchschwangerschaft.
Ab der 19.SSW spürte ich unser Kind bereits. Mir ging es super.
Am 05.05.2010 hatten wir den 2.großen Ultraschall - sie konnte uns schon sagen, dass wir einen Sohn bekommen. - Das Glück war perfekt.
Da alles in Ordnung war, sprach nichts gegen einen kurzen Urlaub in Wien.
Am 24.05.2010 fuhren wir mit dem Auto los in Richtung Wien. Wir wollten unseren 3.Hochzeitstag am 25.05. noch einmal zu zweit feiern.
Bereits das Wochenende vorher hatte ich leichten bräunlichen Ausfluss - habe mir aber nichts weiter bei gedacht, kann ja mal passieren.

Unseren Hochzeitstag haben wir noch ganz gemütlich & romantisch gefeiert. Aber bereits am nächsten Tag (26.05.) wurde mein Ausfluss schlimmer. Am Vormittag waren wir noch in der Wiener Hofreitschule, aber am Nachmittag hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch - den ganzen Tag über keine Bewegung und dann der Ausfluss. Wir beschlossen, sofort ins KH zu fahren. Das Taxi brachte uns auf dem schnellsten Weg ins AKH in Wien.
Nach längerer Wartezeit bemühte sich endlich ein Arzt um uns. Erst untersuchte er meinen Ausfluss und kam zu dem Ergebnis, dass alles in Ordnung sei. Dann wollte er nochmal kurz einen Blick auf unseren Kleinen werfen...
Ich werde die Minuten nie vergessen, er fand keinen Herzschlag und auch keinen Blutfluss. Zur Absicherung holte er sich noch den Professor - aber auch er kam zu keinem anderen Urteil.
Unser Sohn war tot - schon mindestens eine Woche. Das war ein Schlag mitten ins Gesicht.
Der Arzt erklärte uns noch ganz sachlich, dass wir uns keinen Stress wegen der Geburt machen brauchen, wir können dorthin gehen, wo wir möchten. Und damit wurden wir entlassen.
Unser Urlaub war damit vorbei.....

Wie genau mein Mann und ich vom Krankenhaus in unser Hotel kamen, kann ich nicht mehr genau sagen. Ich weiß nur noch, dass wir beide später auf unserem Zimmer saßen und nur noch geweint haben.
Die Nacht war seit langem eine der schrecklichsten. Die ganze Zeit ging mir durch den Kopf, was ich falsch gemacht haben könnte und dass ich eine furchtbare Mutter bin, die nicht merkte, dass in Ihrem Bauch ein Todeskampf stattfand.
Während dieser Nacht habe ich gegrübelt, was wir mit dem bereits gekauften, aber noch nicht gelieferten Kinderzimmer machen sollen. In dieser Nacht habe ich entschieden, dass wir das Zimmer aufbauen lassen und danach die Tür verschließen.
Am nächsten Morgen begaben wir uns die "lange" Rückreise nach München. Ich bin total stolz auf meinen Mann, dass er das konnte - ich hätte kein Auto mehr fahren können.
Auf direktem Weg begaben wir uns zu meiner Frauenärztin, um die Diagnose bestätigen zu lassen - (ich möchte mich schon im Vorfeld für die Aussage jetzt entschuldigen) ich vertraute aufgrund früherer Erfahrungen mir österreichischen Ärzten der Diagnose nicht.
Sie konnte leider auch nur die Diagnose bestätigen und war selber total betroffen, weil Sie es aufgrund des bisherigen Schwangerschaftsverlaufs damit nicht gerechnet hatte.
Aber ich glaube, mit sowas rechnet keiner...
Meine Frauenärztin fragte uns dann noch, in welcher Klinik wir unseren Sohn auf die Welt bringen möchten. Bereits im Vorfeld hatten wir beschlossen, dass unser Sohn im Klinikum Rechts der Isar geboren werden sollte. Und das sollte er auch jetzt.
Nachdem meine Frauenärztin uns mitteilte, dass man uns im Kreissaal bereits erwartete, machten wir uns auf den Weg ins Krankenhaus.

Eins muss ich vorweg nehmen, wir haben uns dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Die Hebammen, Schwestern und Ärzte, die sich von Donnerstag bis Samstag um uns kümmerten, waren absolut einfühlsam, verständnisvoll und mit der Situation vertraut.

Nachdem wir im KH und im Kreissaal angekommen waren, wurden wir sehr gut betreut. Nachdem nochmal ein Ultraschall gemacht worden war (das KH muss sich absichern), erklärte uns die Ärztin ganz ruhig und sachlich, was auf uns bzw. mich zukommt. Sie sagte uns auch, dass mein Mann bei mir im KH bleiben durfte, bis ich entlassen werde. Mein Mann verließ dann nochmal das KH, um zu seinem Hausarzt zu fahren, wegen einer Krankmeldung.
In der Zeit wurde ich auf Station gebracht - in ein Einzelzimmer. Ich bekam auch ein 2.Bett für meinen Mann. Gegen 19:30 wurde mir das Medikament verabreicht, dass die Wehen einleiten soll. Die Ärztin hatte uns vorher erklärt, dass man nie genau sagen kann, wie lange es dauert, bis die Geburt beginnt.
Ab 20:00 war mein Mann dann endlich auch wieder bei mir. Nachdem wir uns noch lange unterhalten haben, sind wir gegen 23:00 Uhr eingeschlafen - die Nacht war aber sehr kurz. Gegen 02:30 habe ich mir das erste Mal Schmerzmittel geben lassen - die Schmerzen waren nicht mehr zu ertragen.
Zu Beginn der Einleitung hatte mir die Ärztin gesagt, dass ich so viel Schmerzmittel bekommen könne, wie ich brauche. Ich versuchte es lange ohne. Aber irgendwann war es dann zu viel.
Die Wehen wurden gegen 05:00 immer schlimmer - ich bat deswegen die Nachtschwester, der Ärztin mitzuteilen, dass ich eine PDA möchte.
Mein Mann stand mir die ganze Zeit bei. Gegen 05:30 wurde ich in den Kreissaal gebracht, in Begleitung meines Mannes.
Da der Narkosearzt noch in einer OP war, musste ich noch auf die PDA warten. Meine Wehen wurden immer schlimmer - ich war so froh, dass mein Mann dabei war. Dass ich seine Hand halten konnte. Alleine hätte ich das nicht bewältigt.
Die einzigen Minuten, die ich alleine überstanden habe, ohne meinen Mann - war der Moment, als mir um 06:30 die PDA gelegt wurde.
Ich wusste nicht, was mich erwartet, deswegen wollte ich ihm das nicht zumuten.
Eigentlich hätte ich die PDA gar nicht mehr gebraucht, denn um 06:56 kam unser Felix bereits auf die Welt. Dieser Moment war trotz der Umstände unbeschreiblich. Unsere Hebamme legte Felix auf meine Brust und ließ uns alleine.
Da ich nicht sehr blutete, musste ich nicht sofort zur AS.
Wir hatten alle Zeit, uns von unserem Sohn zu verabschieden.
Er sah so wunderschön aus, so perfekt. Sah aus, als würde er schlafen. Wir beide haben die ganze Zeit nur geweint. Wollten uns gar nicht von unserem Sohn trennen.
Wie lange die Hebamme uns Zeit ließ, kann ich nicht mehr sagen. Irgendwann kam Sie und sagte, dass ich zur AS in den OP müsse.
Mein Mann blieb bei Felix. Er war dabei, als er gewaschen, gemessen und gewogen wurde.
Die Hebamme machte noch wunderschöne Bilder von unserem Sohn - eine Erinnerung fürs Leben.

Den Rest des Tages verbrachten wir in unserem Zimmer, glücklich über unseren Sohn und in tiefer Trauer wegen seinen kurzen Leben.

Felix, Du hast uns zu stolzen Eltern gemacht. Du bleibst immer ein Teil unserer Familie.
Danke, dass wir Dich haben durften, wenn auch nur für kurze Zeit.
Felix, wir lieben Dich.

Felix *†28.05.2010, 25.SSW
(ET: 12.09.2010)


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