Daniel -Die Geschichte eines Sternenkindes Teil 2

Daniel -Die Geschichte eines Sternenkindes Teil 2


E-Mail Alfred B.

Ich hätte so gerne die freudige Nachricht anders geschrieben.
Doch unser Daniel ist im Bauch seiner Mutter eingeschlafen.
Karin und Alfred B.

Ich starrte auf die E-Mail und konnte es nicht fassen. Ich war so erschrocken, dass es mir schlecht wurde. Mein Verstand weigerte sich, die Wahrheit anzunehmen. Es muss sich um einen Irrtum handeln. Dieser Text ist eine Lüge ! Ich schrie laut auf, sodass Jenny aus dem Wohnzimmer in mein Arbeitszimmer gerannt kam und mich entsetzt ansah. Ich fasste mich an mein Herz und sagte mehr zu mir selber: Irgendjemand hat sich einen so abscheulichen Scherz erlaubt, einen derart widerwärtigen Text zu schreiben, einfach unmenschlich. Ich wusste nicht, wie ich auf diesen Text, den ich einfach für eine Falschmeldung hielt, reagieren sollte. So oft ich ihn auch las. Er veränderte sich nicht. Nein, kein Wort sagte, was ich lesen wollte. Du hast nicht richtig gelesen. Endlich begann mein Gehirn zu begreifen, welch eine Tragödie meiner Freundin und ihrem Mann widerfahren ist.
Ihr erstes Kind - ihr Daniel, war noch vor der Geburt, im Bauch seiner Mutter, gestorben. Bei dem letzten Wort brach ich in Tränen aus.
Erst, als ich mich etwas beruhigt hatte, nahm ich das Handy, drückte ihre Nummer und wartete - denn noch hoffte ich, dass es einen so grausamen Irrtum nicht geben darf. Ich habe mich bestimmt nur geirrt. Aber es war nicht so. Dann hörte ich eine sehr, sehr traurige Stimme. Da wusste ich, dass es keinen Irrtum gibt. In einem einzigen, winzigen Augenblick zeigte mir das Leben, was ich nicht wahr haben wollte: Ich spürte, wie ihre traurige Stimme mir die Kehle zuschnürte und ich kein Wort sagen konnte. Nicht einmal ein tröstendes Wort fiel mir ein, nicht einmal der übliche Text wie: Mein aufrichtiges Beileid konnte ich sagen, denn ich weinte um ihr verlorenes Baby und meine Freundin weinte um ihren verstorbenen kleinen Sohn, Daniel. Sie und ich, weinten am Telefon, gemeinsam.

Ich hatte das Gefühl, es wäre mein Kind gewesen und nicht das meiner Freundin. Ich spürte ihren Schmerz, der durch meinen Körper fuhr und konnte zwischen weinen und Nase putzen endlich sagen: "Es tut mir so unendlich leid Karin, was euch beiden widerfahren ist und gleichzeitig stieg in mir ein Gefühl der Scham wegen dem Paket in mir hoch. Die Vorstellung, wie Karin das Paket öffnet, die Geschenke, die meine Jenny in feinem Packpapier eingepackt hatte sieht, sie herausholt, auspackt und jedes einzelne Teil in ihre Hand nimmt, bricht mir das Herz.
"Helga, vielen Dank für dein Paket und die, von dir so liebevoll ausgesuchten Geschenke", nahmen mir die Scham, es doch richtig gemacht zu haben.
"Helga", hörte ich Karin leise meinen Namen sagen, als müsste sie sich vor etwas Entschuldigen, "ich konnte das Paket nicht öffnen. Alfred hat es geöffnet. Wir haben uns dann gemeinsam alles angesehen - und den Text, den du so geschrieben hast - Danke", dann hörte ich meine Freundin wieder weinen. Wir weinten beide. Erst nach einer Weile, als ich mich etwas gefasst habe, wagte ich meiner Freundin eine Frage zu stellen.
"Hat man dir deinen Sohn gezeigt?"
"Ja! Zwei Tage vor der Geburt hat die Hebamme keine Herztöne mehr gehört. Sie sagte, er sei gestorben. Aber ich sollte mein totes Kind normal zur Welt bringen. Mein Sohn sah so friedlich aus. Ich durfte ihn waschen, auch das konnte ich nicht. Alfred hat das für mich getan. Ich hätte meinen toten Sohn weder anfassen noch baden können. Ich glaube, ich hätte einen hysterischen Anfall bekommen", schilderte sie mir mit weinerlicher Stimme ihre Situation. Ergriffen hörte ich schweigend zu.
Es brach mir das Herz, sie so leiden zu hören. Dann kam die Frage, auf die ich die ganze Zeit gewartet habe und vor der ich mich auch so fürchtete: "Helga, warum lässt Gott das zu?"
"Ich weiß es nicht Karin. Ich weiß es wirklich nicht!" sagte ich und schwieg. Manchmal ist schweigen heilsamer als viele Worte, die doch nur ins Leere zielen, dachte ich.
"Helga, ich möchte das Gespräch beenden! Ich habe keine Kraft mehr, weiter über den Tod meines kleinen Sohnes Daniel zu sprechen. Ich hoffe, du verstehst meine Beweggründe - es hat nichts mit dir zu tun!" Dann war das Gespräch beendet.
Ich saß wie gelähmt vor meinem Schreibtisch und drehte mich in meinem Drehstuhl hin und her, wie man das bei einem Kind macht, das Trorst bei der Mutter sucht und blickte fassungslos vor mich hin. Etwas sträubte sich in mir. Wie hält man das aus ? Es gibt keine Antwort auf diese Frage. Es geschieht einfach, versuchte ich mich selbst zu trösten.

Dann aber geschah etwas so unglaubliches, dass ich an meinem Verstand begann zu zweifeln. Es war, als wenn die Stimme von dem verstorbenen Daniel in meinem Kopf ist und mit leiser Stimme sagte: "Schreibe meiner Mama eine Geschichte von mir!"

Ich glaubte, ich hab nicht alle Tassen im Schrank. Aber ich wurde nicht verrückt: Was geschieht hier? Ist das real? Oder ist das der psychische Stress ? Oder ein unterdrückter Wunsch, es möge nicht passiert sein ?! Wieso nehme ich denn seine Stimme, die leise in meinem Kopf spricht wahr? Wie ist das möglich? Dass ein vor wenigen Tagen verstorbenes Baby, ich jetzt in meinem Kopf seine Stimme, wenn auch leise, fast wie ein Flüstern und doch deutlich genug den Sinn seiner Bitte: Schreibe meiner Mama eine Geschichte von mir.
Verstehen kann? Ich fand, und habe bis heute keine Antwort gefunden.
Ist es Daniels kleine Seele, die in meinem Kopf zu mir spricht ? Ja, das wird es bestimmt sein. Seine Bitte ließ mich nicht mehr los. Ich fand keine Ruhe. Muss ich das verstehen ? Nein, bestimmt nicht. "Etwas, das irgendwo zwischen Himmel und Erde geschieht, darauf habe ich keinen Einfluss: Ja, so wird es bestimmt sein.

Aber wie schreibe ich seine Geschichte ? Ich soll ihm eine Stimme geben ? Ja, das ist es. Durch die Geschichte möchte Daniel seine Mutter bestimmt trösten. Das wird es sein!
Ah. Dann hat der Himmel es bestimmt, dass ich die Botschafterin bin ? Wie aufregend. Eine Geschichte, die wie eine Brücke zwischen Mutter und Sohn sein soll ? Ja, das ist es. Etwas, auf das ich keinen Einfluss habe. Es geschieht einfach.
Also: Wie gehe ich vor ? Nur langsam löste sich die lähmende Dichte in meinem Kopf auf und eine neue Klarheit zeigte mir den Weg, wie ich seine Geschichte anfangen kann zu schreiben.
Kleine Seele, ich werde deiner Mama eine Geschichte von dir schreiben, dachte ich, putze mir die Nase und wischte mir die Tränen aus meinen Augen.

Fortsetzung folgt...


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