Jorre - der Schutzengel

Jorre - der Schutzengel

Ich weiß gar nicht genau, wie ich anfangen soll von meinem Sohn Jorre zu erzählen.
Er war ein absolutes Wunschkind und wir haben uns riesig auf ihn gefreut.
Sein errechneter Geburtstermin war Anfang Mai 2016...

Am 09.01.2016 wollten wir nach Dänemark fahren. Alles war organisiert. Nach einem entspannten Stadtbummel wollten wir den Abend genießen.
Ich musste mal auf die Toilette, doch was mich da erwartete, habe ich nicht glauben können. Plötzlich war alles voller Blut. Der Krankenwagen kam, im Kreißsaal angekommen war ich noch guter Dinge, trotz der Massen an Blut, hatte die Hebamme doch Jorres Herzschlag direkt gefunden. Mein Sohn ist ein Kämpfer, der wird das schaffen.
Nach kurzer Zeit die Ernüchterung. Die Plazenta ist soweit abgelöst, Jorre hat keine Chance. Ob ich Schmerzmittel haben möchte?! Warum verstand ich nicht, hatte ich doch keine Schmerzen. Für die Ärzte unverständlich, ich müsse mich eigentlich krümmen vor Schmerz!
Wir wurden auf Normalstation verlegt, bis die Wehen wirklich einsetzen würden.
22. SSW Jorre hatte einfach keine Chance...

Die Zeit verging, das Blut wurde weniger und die Ärzte untersuchten erneut. Angst vor inneren Blutungen, hieß es. Also ab zum Ultraschall. Zurück im Kreißsaal, wieder zum Ultraschall, die Oberärztin will doch nochmal schauen.
Ein Puls, ich denke meiner und sage: “Ich habe viel Sport getrieben, mein Puls ist sehr niedrig, nicht erschrecken!“
„Das ist nicht Ihrer, das ist der von ihrem Sohn“ schweigen, sie verlässt den Raum. Zurück, mein Mann und ich.
Jorre ist doch gestorben, warum ist er wieder da was ist da los? Hoffen, bangen, Unsicherheit.
Der Professor wird hinzugezogen. Sowas hatten sie noch nicht erlebt. Eine so späte Ablösung der Plazenta in diesem Ausmaß und ein Kind das lebt. Allerdings völlig unterversorgt.
Wir mussten entscheiden, versuchen wir ihn zu retten? Die Chance lag bei 1% das er es schafft. Dann mit allerschwersten Behinderungen, oder lassen wir ihn gehen?!
Die schwerste Entscheidung unseres Lebens stand im Raum. Wir haben unseren kleinen Mann über die Regenbogenbrücke gehen lassen, die Natur hatte schon entschieden und wir sind uns bis heute sicher, es war der richtige Weg!
Jetzt hieß es warten, dass die Wehen stärker werden. Umgeben von Tränen, Übelkeit und völliger Fassungslosigkeit...

„Wollen sie ihr Kind sehen?“ kam immer wieder als Frage, ich hatte solche Angst davor. Alle waren sehr einfühlsam, aber die Worte einer Ärztin werde ich nicht vergesse. „Warum möchten Sie ihn nicht sehen?!“
„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe!“
„Sie sind die Mutter, Sie schaffen alles!“ noch heute bin ich ihr dankbar für diese Worte.
Dann ging es auch schnell los und Jorre kam still zur Welt. 29 cm und 490 Gramm, in der 22. Schwangerschaftswoche. So klein und für uns trotzdem so perfekt!

Erst später wurde mir klar, wie eng es auch um mein Leben stand.
Jorre ist gegangen und hat mich in diesem Moment ein Stück gerettet. In der Nacht vom 06.01.2016 auf den 07.01.2016 hat er seinen Weg angetreten.
Später wurde ein Faktor-V-Leiden bei mir diagnostiziert, hätte ich es vorher gewusst... wer weiß....
Und so schrecklich wie diese Zeit für uns war, er bleibt unser Großer!
1,5 Jahre später, ich war schwanger. Errechneter Entbindungstermin 06.01.2018
Für viele in unserem Umfeld so schrecklich.
Für uns, wunderbar. Jorre schickt uns ein Zeichen: Mama, Papa, ihr sollt glücklich sein.
Am 11.01.2018 kam kerngesund unsere Tochter Bentje zu Welt!
Und wer kann schon von sich behaupten, einen eigenen Engel zu haben und das auch noch der große Bruder.

Er musste gehen, aber er ist ein Teil von uns und er gehört dazu!

Ihr macht eine tolle Arbeit und ich hoffe, dass noch viel mehr Eltern den Mut haben offen über ihre Kinder zu sprechen. Sie gehören zu uns allen und zu unserer Gesellschaft, wir müssen das nur selber leben!


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